Go with the Flow – wie du wieder ins Spüren kommst - Teil II: Die Tools

Go with the Flow – wie du wieder ins Spüren kommst - Teil II: Die Tools

Im ersten Teil habe ich dir erzählt, wie ich gemerkt habe, dass der Kopf allein nicht reicht, um wieder ins Spüren zu kommen. Dass Gefühle sich nicht zerdenken lassen und dass der Weg zurück ins Fühlen durch den Körper geht. Aber wie geht das genau? Hier ist, was mir geholfen hat – und was die Wissenschaft dazu sagt.

Sich dem Körper wieder annähern

Zunächst einmal: dafür gibt es kein 4-Wochen-Programm und dann ist alles wieder superduper mit dem Fühlen. Nach langen Phasen von Stress, Funktionieren und Verdrängen kann die Verbindung leiden, sogar völlig weg sein. Der Weg zurück ist dann nicht so einfach, aber machbar.

Die Polyvagaltheorie erklärt, warum der Körper der erste Ansatzpunkt ist: die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn läuft zu 80% von unten nach oben. Dein Körper informiert dein Gehirn, nicht umgekehrt. Was viele nicht wissen: in deinem Bauch sitzt ein zweites Nervensystem. Das enterische Nervensystem – auch Bauchhirn genannt – besteht aus rund 100 Millionen Nervenzellen und kommuniziert direkt mit deinem Gehirn. Dein Bauchgefühl ist keine Metapher. Es ist Neurobiologie. Dein Körper weiß es oft schon, bevor es dein Kopf weiß. Die Psychosomatik beschäftigt sich genau damit – dem Zusammenhang zwischen dem was wir fühlen und dem was unser Körper zeigt. Ich hatte zum Beispiel über Jahre eine sensible Blase – ohne medizinischen Befund. Heute weiß ich: es war mein Körper der gesprochen hat. Mittlerweile ist sie so gut wie verschwunden.

Das bedeutet: wenn du dich nicht gut fühlst, hilft es wenig darüber nachzudenken. Es hilft, den Körper anzusprechen. Sich ihm wieder anzunähern. Langsam, ohne Druck. Ich habe wieder gelernt, was meinem Körper gut tut: Wärme, Entspannung, leichte Bewegung, Musik. Bei Stress und für eine Portion Entspannung geht es auf die Shaktimatte oder ich nutze mein Nadelkissen (bei Unruhe oder Kopfschmerzen auch gern mein Augenkissen mit Pfefferminzduft), im Bett liegt meine Wärmflasche bereit (außer im Hochsommer) und für Erdung, gehe ich kurz auf die Yogamatte oder nutze meine Aurasprays als Duftanker (Wurzelgrund oder Abendlichtung in diesem Fall).

Die Krux an der ganzen Sache vor allem bei der Bewegung: du musst dich Anfangs wahrscheinlich dazu zwingen, denn anders als gedacht: das Tun kommt vor der Motivation. Wenn du auf die Motivation wartest, wirst du wahrscheinlich nie beginnen. Starte also vielleicht mit kurzen Dehneinheiten auf der Yogamatte, später dann kurze Spaziergänge im Wald. Ganz in Ruhe. Der Waldduft tut dann noch sein Übrigens (davon erzähle ich dir in einem anderen Beitrag).

Gefühle zulassen

Ich war eine richtige Konfliktvermeiderin. Habe alles in mich hinein gefressen. Das Nervensystem vergisst das nicht so schnell. Was nicht gefühlt wird, bleibt – im Körper, im Muskeltonus, in der chronischen Anspannung. Weinen darf sein. Wut darf sein. Ich habe mir das nie erlaubt und während der Therapie gelernt, dass Wut und Trauer keine schlechten Emotionen sind – sie sind Information. Sie zeigen dir, wo eine Grenze überschritten wurde. Und genau da kannst du jetzt ansetzen: Nein sagen. Für dich einstehen. Nicht laut, nicht aggressiv – aber klar. Chronisches Ja-Sagen hält dein Nervensystem dauerhaft im Alarmzustand. Jedes Nein, das du dir erlaubst, ist ein Ja für deinen Körper: Ja,ich bin sicher. Ich darf ich sein. Das habe ich üben müssen. Ich übe es noch. 

Benennen ohne zu analysieren

Ich bin ein Kopfmensch – ich analysiere alles. Du auch? Mach dir das zu Nutze. Nicht, indem du deine Gefühle analysierst, sondern sie benennst. Die Forschung zeigt: wenn wir einem Gefühl einen Namen geben, reduziert sich seine Intensität messbar. "Ich bin gerade wütend." "Ich bin traurig." "Ich fühle mich unwichtig." Nicht warum – nur was. 

Journaling hat mir dabei geholfen. Nicht als Tagebuch, nicht als Zusammenfassung des Tages. Einfach schreiben, was gerade da ist. Ohne Ziel. Ohne Ergebnis. Dieser Text hier ist im Grunde auch Journaling. Heute mache ich das natürlich nicht mehr so intensiv, aber es hat mir in sehr dunklen Stunden geholfen. Was auch hilft: mit jemandem sprechen, also Gefühle laut benennen. Zu schauen, wo sitzt das Gefühl in meinem Körper? Ist es eine Schwere, die mir auf den Schultern lastet? Ein drückender Brustkorb? 

Das mag alles sehr einfach klingen – ein paar Zeilen schreiben, ein Gefühl benennen, darüber sprechen. Aber genau darin liegt die Kraft. Dein Nervensystem braucht keine großen Gesten. Es braucht Wiederholung. Denn Wiederholung gibt Sicherheit. 

Rhythmus und Sicherheit

Und mit der Wiederholung kommt auch die Vorhersehbarkeit. Dein Nervensystem braucht das, um Loszulassen. Nicht Perfektion. Nicht einen strengen Plan. Aber Rhythmus. Dinge die jeden Tag ohne viel Aufwand da sind – ein Spaziergang, eine Tasse Kaffee in Ruhe, Bewegung, ausreichend Schlaf, Essen, einfach was dir gut tut.

Ich habe aufgehört zu rauchen. Koffein stark reduziert – die innere Unruhe ist seitdem deutlich besser. Ich habe für mich erkannt: alles hat mit allem zu tun. Und kleiner Tipp am Rand: koffeinfreier Latte ermöglicht viele kleine Kaffeepausen über den Tag ;-). Denn die sind das wichtigste: Pausen. Nicht irgendwann, nicht am Wochenende oder, wenn du endlich Uraub hast. Täglich. Kleine Momente, wo du nichts leistest, nichts erledigst, nichts optimierst. Dein Nervensystem erholt sich nicht im Funktionieren – es erholt sich in der Stille dazwischen.

Und wenn das nicht reicht

All das sind Dinge, die mir im Alltag helfen. Aber sie ersetzen keine professionelle Begleitung. Wenn du merkst, dass du dich schon länger gefühllos fühlst – emotional wie unter Glas, abgeschnitten von dir selbst, dann braucht es mehr als Alltagstools. Such dir Unterstützung. Eine Therapeutin, eine Heilpraktikerin für Psychotherapie, jemanden der dich begleitet. Du musst da nicht alleine durch.

Du hast Teil I verpasst? Hier gehts zum ersten Teil des Artikels: Go with the flow - Teil I


 

Für dein Journal:

Welche Emotion hast du zuletzt unterdrückt – und was hat sie eigentlich sagen wollen?

Was tut dir gerade gut – und wann hast du dir das zuletzt wirklich erlaubt?

Was wäre dein kleinster möglicher Anker für heute – ein Duft, ein Atemzug, fünf Minuten Stille?