Vielleicht bist du auch jemand, der den Dingen gerne auf den Grund geht. Alles analysiert, versteht, einordnet. Der Kopf als stärkstes Werkzeug – und die stille Hoffnung, dass er dich auch hier rausbringt.
Ich kenne das. In der Therapie hatte ich irgendwann alles verstanden. Wirklich alles. Woher es kam, warum es so war, was es bedeutete. Kognitiv war ich längst weiter. Aber da war noch etwas, das sich nicht zerdenken ließ.
Meine Gefühle.
Was viele nicht wissen: Emotionen sind keine Gedanken. Sie entstehen nicht im präfrontalen Kortex – dem Teil unseres Gehirns der denkt, plant, analysiert. Sie entstehen tiefer – im limbischen System, im Körper, im Nervensystem. Man kann ein Gefühl nicht wegverstehen. Man kann es nur fühlen.
Ich war früh von zuhause ausgezogen, hatte meinen eigenen Weg gefunden. Aber mit der Geburt meiner Kinder holte mich vieles wieder ein – was kein Zufall ist. Die eigene Mutterschaft ist oft der Moment, in dem alte Wunden aus der eigenen Kindheit wieder an die Oberfläche kommen. Dinge, die man doch eigentlich schon lange weggepackt hatte, an die man vielleicht nicht mal mehr gedacht hatte.
In dieser Zeit lernte ich eine Frau kennen, die mir mehr bedeutete als ich damals wusste. Etwa im Alter meiner Mutter, selbst mit viel Weg hinter sich, tief vertraut mit ihren eigenen Mustern. Sie hat mich jeden Sonntag auf einem Spaziergang begleitet. Einfach so. In ihr fand ich etwas, das ich gerade sehr gebraucht habe – eine heilende Wärme, die ich anderswo vermisste.
Vielleicht hast du auch jemanden in deinem Leben, der das für dich sein kann. Nicht zwingend eine Therapeutin. Manchmal ist es eine Freundin, eine stille Begleiterin – jemand der einfach da ist, ohne zu urteilen.
Ich war müde. Müde vom Auf und Ab. Im Ganzen betrachtet war ich auf dem Weg der Besserung (Stichwort Aufwärtsspirale) – aber nach jedem Hoch kam wieder ein Tief. Zudem konnte ich meine Hochs nicht genießen, weil ich ja wusste: es kommt wieder. Das nächste Tief. Auch wenn es nicht mehr so tief war wie das vorhergehende – es kostet alles so viel Kraft, vor allem wenn man sich dagegen wehrt.
Kennst du das? Dieses Misstrauen gegenüber den guten Dingen. Diese Anspannung mitten im Hoch, weil du weißt was danach kommt. Wenn man Ruhe nicht mehr genießen kann, selbst in den schönsten Momenten nichts fühlt.
Irgendwann hatte ich meine Gefühle so weit abgespalten, dass nichts mehr da war. Weder die guten noch die schlechten Emotionen. Eine innere Stille, die sich nicht nach Frieden anfühlte. Das passiert uns Menschen oft zum Schutz – das Nervensystem lernt: Fühlen tut weh, also fühlen wir weniger. Aber die Ursache verschwindet nicht. Sie wartet.

Wie also etwas wieder in dein Leben lassen, das dir so viel Leid beschert hat? Das Yin geht nicht ohne das Yang. Das Hoch nicht ohne das Tief. Liebe nicht ohne Leid. Entscheidest du dich für das Fühlen, entscheidest du dich für das komplette Spektrum. Und das kann Angst machen.
An einem dieser Sonntage habe ich meiner Freundin erzählt wie erschöpft ich bin. Erschöpft von Therapie (denn sie ist wirklich unglaublich anstrengend, Heilung passiert nicht über Nacht und auch nicht einfach so), über das Tief das schon wieder im Anmarsch war, über die Angst dem Hoch zu trauen. Und sie sagte, ruhig und ohne große Geste: „Schwimm einfach mit. Nimm es wie es kommt."
Ich glaube, ich habe diesen Satz erst mal gar nicht richtig verstanden. Habe ihn weggenickt: Jaja, das sagt sich so leicht. Aber er ist geblieben. Denn mir wurde irgendwann klar: Ich kann mir meine Emotionen nicht zurücklesen. Nicht zurückdenken. Der Weg zurück ins Fühlen geht nicht über den Kopf – er geht durch den Körper. Durch das Zulassen. Durch das Aushalten.
Und das gilt auch für dich.
Annehmen. Akzeptieren. Weitergehen.
Daraus wurde meine eigene Affirmation: Go with the flow. Ein Satz den ich mir immer wieder gesagt habe – wenn das Hoch kam und die Angst vor dem nächsten Tief größer war als die Freude am Moment. Wenn das Tief kam und ich am liebsten wieder alles weggesperrt hätte.
Go with the flow bedeutet nicht Aufgeben. Es bedeutet: du wehrst dich nicht mehr gegen das was ist. Du lässt es durch dich hindurch. Du fühlst – das Gute und das Schwere. Die Folge davon: von allem mehr. Mehr Schmerz, ja. Aber auch mehr Leichtigkeit. Mehr Wut – und die Erkenntnis, dass Wut kein schlechtes Gefühl ist. Mehr Angst – und die Erkenntnis, dass Angst da sein darf. Und irgendwann: mehr Freude. Echte Freude, ohne das schlechte Gewissen, dass sie gleich wieder endet.
Das war mein Weg wieder ins Spüren zu kommen. Und mit welchen Tools genau das gelingt, erzähle ich dir im nächsten Journal Eintrag: Go with the Flow Teil II
Drei Fragen für dein eigenes Journal:
Welche Gefühle hast du weggepackt – und seit wann?
Wann hast du zuletzt dem Hoch wirklich vertraut, ohne auf das nächste Tief zu warten?
Was wäre, wenn du heute einen einzigen Moment einfach fühlen würdest – ohne ihn einzuordnen?

