Zurück zu dir - Muster erkennen, Glaubenssätze verstehen

Zurück zu dir - Muster erkennen, Glaubenssätze verstehen

Es gibt Momente, in denen man sich selbst beim Fallen zusieht. Dieselbe Situation, dieselbe Reaktion, dieselbe alte Wunde. Und man fragt sich: Warum passiert mir das immer wieder? Und warum fühlt es sich so existenziell an? Ich kenne dieses Gefühl. Und ich kann dir sagen: Es ist kein Versagen. Es ist ein Muster. Und unsere Muster haben eine Geschichte.

Stefanie Stahl & mein erstes Gefühl für mein Muster

Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Ich war Ende zwanzig, hatte gerade Knatsch mit meinem Partner, saß allein im Auto und hörte das Hörbuch zu Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden". Nicht weil ich mich mit meinem inneren Kind auseinandersetzen wollte – sondern weil es gerade überall war und ich neugierig war. Aber dann kam der Moment.Der Auslöser war eigentlich nichts. Eine Bitte, mir etwas Bestimmtes vom Einkauf mitzubringen. Vergessen. Wieder einmal. „Ist doch nicht so schlimm, du bist doch jetzt dann eh unterwegs." Nicht schlimm. Nicht wichtig. Für ihn vielleicht nicht. Für mich war es eine weitere in einer langen Reihe kleiner Mikroverletzungen, die sich irgendwo in mir angesammelt hatten, ohne dass ich einen Namen dafür gehabt hätte. Meine Reaktion? Emotionaler Rückzug. Stille, die nach außen harmlos wirkte und innen brodelte.Und genau in diesem Moment, mit Stahls Worten im Ohr, traf mich zum ersten Mal ein kognitives Verstehen: Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster, das sich immer wieder wiederholt. Was ich erst später verstand: dahinter steckte ein Glaubenssatz, der mich schon viel länger begleitete, als mir bewusst war: Ich bin nicht wichtig. Aber bis ich mein Muster wirklich erkannte (und damit auch meine verinnerlichten Glaubenssätze) – nicht nur im Kopf, sondern emotional, in meinem Körper, in meiner Geschichte – sollten noch fast zehn Jahre vergehen.

Exkurs: Wie ein Muster entstehtIn unserer Kindheit entstehen Glaubenssätze – Überzeugungen über uns selbst, die wir aus wiederholten Erfahrungen ableiten. Nicht bewusst, nicht gewählt. Einfach erlebt. Vielleicht wurdest du oft vertröstet, oft hintenangestellt. Vielleicht gab es immer wieder Momente, die dir unmissverständlich signalisierten: Du bist nicht wichtig genug. Wenn dieser Glaubenssatz einmal sitzt, entwickelt unser Nervensystem eine Schutzreaktion – Rückzug, Wut, Funktionieren, Stille. Eine Reaktion, die damals Sinn ergeben hat. Die uns beschützt hat. Die überlebensnotwendig war. Das Problem: Unser Nervensystem stuft genau diese Reaktion als Norm ein. Als das, was in solchen Momenten zu tun ist. Und so wiederholt sich das Muster – jedes Mal, wenn eine neue Situation den alten Glaubenssatz berührt. Eine Kleinigkeit von heute trifft den Schmerz von damals. Nicht weil wir schwach sind. Sondern weil unser System genau das tut, wofür es einmal trainiert wurde.

Wie wir dem Muster heute begegnen können

Der erste Schritt ist nicht, das Muster loszuwerden. Der erste Schritt ist, es zu sehen. Fühlen. Nicht wegdrücken, nicht sofort analysieren. Einfach da sein mit dem, was ist. Erst wenn wir Gefühle wirklich zulassen, können wir sie benennen. Dann ordne sie. Ganz ohne Urteil: Was war das gerade? War die Reaktion der Situation angemessen, oder kam da mehr? Verschaff dir Wissen. Durch Therapie, Selbstreflexion, Literatur. Wenn wir verstehen, woher ein Gefühl kommt, können wir uns selbst die Umarmung geben, die wir damals gebraucht hätten. Schließlich Loslassen, die Königsdisziplin. Nicht als Verdrängen, sondern als bewusstes Verabschieden. Weil wir verstanden haben, was wir festgehalten haben – und warum. Unsere Muster sind kein Feind. Sie haben uns damals getragen. Wir dürfen sie sanft gehen lassen.Das gelingt nicht auf einmal. Und es darf ermüdend sein. Aber je öfter wir diesen Weg gehen, desto vertrauter wird er. Desto sanfter begegnen wir uns selbst darin.

10 Jahre später...

Zwei Kinder – eines davon im Autismusspektrum. Eine weltweite Pandemie, die Trennung vom Vater meiner Kinder. Und ich, nach einem Zusammenbruch, zum ersten Mal meiner Therapeutin gegenübersitzend.Ich fühlte nichts. Ich sah keinen Weg vor mir. In mir: Leere. Aber genau das war der Anfang. Nicht weil es sich so angefühlt hat – sondern weil es der erste Moment war, in dem ich aufgehört habe, meine Muster zu ignorieren. Es ging gar nicht anders. Mein Körper gab mir unmissverständlich zu verstehen: Du musst dem Ganzen jetzt ins Auge blicken. Du hast keine Kraft mehr, verletzt zu werden.

Heute kenne ich sie – meine Muster. Ich habe sie nicht besiegt, aber ich begegne ihnen anders. Mit mehr Verständnis. Mit mehr Sanftheit. Mit dem Wissen, woher sie kommen. Genau das, was Fühlen. Ordnen. Wissen. Loslassen. meint – nicht als schnelle Formel, sondern als Weg, den ich selbst gegangen bin und noch gehe. Das Auflösen eines Musters ist nicht so leicht, wie es klingt – oder wie eine Grafik vielleicht vermuten lässt. Manchmal braucht es therapeutische Hilfe, so wie in meinem Fall, manchmal reicht ein ehrlicher Blick nach innen. Ein Buch, das zur richtigen Zeit kommt. Ein Gespräch, das etwas löst. Ein Moment der Stille, in dem du dich selbst zum ersten Mal wirklich hörst.

Es gibt keinen richtigen Weg. Nur deinen. 🤍